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Was ist notwendig und sinnvoll?
Mit der Technischen Verwaltungsvorschrift Kampfmittelbeseitigung für NRW (TW NRW) und den Arbeitshilfen Kampfmittelräumung (AH KMR) werden erstmalig technische Spezifikationen für die in der Kampfmittelortung eingesetzten Magnetometer vorgegeben.
"Hochempfindliche" Magnetometer in der Kampfmittelbeseitigung:
Was ist notwendig und sinnvoll?
Frank Dietsch, Prof. Dr. Kord Ernstson, Klaus Ebinger
Einleitung:
Mit der Technischen
Verwaltungsvorschrift Kampfmittelbeseitigung für NRW (TVV NRW) und den
Arbeitshilfen Kampfmittelräumung (AH KMR) werden erstmalig technische
Spezifikationen für die in der Kampfmittelortung eingesetzten Magnetometer
vorgegeben. Was dabei auf den ersten Blick besonders positiv auffällt: Die im
Gegensatz zu vielen anderen Publikationen und internationalen Ausschreibungen
verwendeten Reichweitenangaben auf bestimmte Kampfmittel – bei Magnetometern
vorzugsweise 250 und 500 kg Bomben – sind durch definierte messtechnische
Kenngrößen (Auflösung, Genauigkeit, Messbereich etc.) ersetzt worden. Damit
wurde ein wichtiger Schritt für mehr Transparenz und Vergleichbarkeit der
gerätetechnischen Ausrüstung sowie für qualitätssichernde Maßnahmen in der
Kampfmittelbeseitigung getan.
In diesem Zusammenhang taucht in
der Kampfmittelbeseitigung immer wieder die Frage auf, ob man mit Magnetometern
höherer Auflösung die Kampfmittel nicht besser, tiefer und vor allem sicherer
detektieren könne. Während in der TVV NRW „lediglich“ eine Auflösung von
0,1 nT für Differenz-Fluxgate-Magnetometer (D-FGM) gefordert wird, wird in der
AH KMR besonders auf die optisch gepumpten Totalfeld-Magnetometer (TFM)
mit kleineren Schwellenwerten (von bis zu 0,0025 nT) verwiesen und
festgestellt, dass diese in der Kampfmittelbeseitigung weniger häufig
anzutreffen sind, obwohl sie eine besonders hohe Empfindlichkeit aufweisen
würden.
Daraus ergibt sich folgende
interessante wie berechtigte Frage:
Welche Auflösung bzw. Schwellenwerte für Magnetometer in der
Kampfmittelbeseitigung sind eigentlich notwendig und sinnvoll?
Dieser Artikel beleuchtet den
Einfluss verschiedener Faktoren auf die magnetische Detektion von Störkörpern,
die bei der Beantwortung dieser Frage berücksichtigt werden müssen.
Einflussfaktor magnetische Signatur:
Die Magnetik in der
Kampfmittelbeseitigung nutzt lokale Verzerrungen (Anomalien) des
Erdmagnetfeldes, die durch ferromagnetische Störkörper verursacht werden, zu
deren Ortung. Dabei spielt die Magnetisierung für die zu messende Anomalie eine
wesentliche Rolle.
Es treten zwei Arten der
Magnetisierung auf: Die induzierte Magnetisierung, die durch das
anliegende Magnetfeld der Erde in magnetisierbaren Körpern erzeugt wird. Sie
ist bei bekanntem induzierenden Feld über die magnetische Suszeptibilität ein
Materialparameter. Unter vereinfachten Annahmen (z.B. für ein homogen
magnetisiertes Rotationsellipsoid) lässt sich das Störfeld eines solchen
Körpers analytisch berechnen.
Die remanente Magnetisierung ist eine
dem Störkörper aufgeprägte Magnetisierung; sie ist das Ergebnis der
magnetischen Vorgeschichte des Störkörpers und nicht im voraus kalkulierbar.
Beide Magnetisierungsanteile addieren sich vektoriell (effektive
Magnetisierung). Je nach Orientierung der beiden Magnetisierungsvektoren kann
die effektive Magnetisierung größer und damit die Detektierbarkeit günstiger
sein; umgekehrt kann aber durch ungünstige Lage beider Magnetisierungsanteile
die effektive Magnetisierung kleiner und damit die Detektierbarkeit erschwert
werden. Allein diese Betrachtungen zeigen, dass bei der magnetischen Ortung
eine alleinige Betrachtung der Empfindlichkeit bzw. Schwellenwerte von
Magnetometern nicht ausreichend sein kann.
Einflussfaktor Magnetometertyp:
Totalfeld-Magnetometer (TFM)
messen den Betrag des magnetischen Feldvektors, unabhängig von seiner Richtung.
Zur Eliminierung der zeitlichen Schwankungen des Erdmagnetfeldes aus den
Meßdaten ist der Einsatz eines weiteren Totalfeld-Magnetometers als
Referenzstation notwendig. Bei der Differenzbildung kann man gleichzeitig durch
Abzug eines konstanten Betrages eine Zentrierung der Totalfeldwerte erzielen,
so dass durch Störkörper im Untergrund erzeugte Anomalien mit einem definierten
Nullniveau entstehen.
Differenz-Fluxgate-Magnetometer
(D-FGM) messen die vertikale Differenz der Vertikalkomponente des Magnetfeldes.
Durch die Differenzbildung werden die zeitlichen Schwankungen bereits aus dem
Messsignal eliminiert und - für kleinräumige Anomalien - näherungsweise auch
eine Zentrierung auf ein Nullniveau erreicht. Das Ergebnis einer Messung mit
einem D-FGM entspricht je nach Länge des Basisabstandes entweder dem vertikalen
Gradienten des Magnetfeldes (Basisabstand infinitesimal klein) oder der
Vertikalkomponente des Magnetfeldes (Basisabstand unendlich groß).
Die gemessene Signalamplitude der
magnetischen Anomalie des Störkörpers fällt bei Messungen mit einem
Totalfeld-Magnetometer (TFM) mit der dritten Potenz des Abstandes ab, während
sie bei Messungen mit einem D-FGM mit einer Potenz zwischen 3 und 4 – je nach
Größe des Basisabstandes – abfällt. Das TFM scheint also bei tiefer liegenden
Störkörpern tatsächlich empfindlicher zu sein als ein DFGM. Abbildung 1 zeigt
berechnete Profilverläufe für einen theoretischen, magnetischen Dipol in
verschiedenen Tiefen, simuliert jeweils für Messungen mit einem TFM und einem
D-FGM.

Abbildung 1 Profilverläufe
für Messungen mit einem Totalfeld-Magnetometer (links) und einem
Diffferenz-Vektor-Magnetometer (rechts) für einen magnetischen Dipol in verschiedenen Tiefen
Einflussfaktor umgebendes Medium:
Das umgebende Medium (Boden und
das einbettende Gestein) ist praktisch nie magnetisch neutral und homogen. Das
gilt auch für einen geologisch völlig unberührten Untergrund, bei dem allein
der Wechsel von Sand zu Ton Schwankungen der magnetischen Totalintensität um
viele nT hervorrufen kann. Enthält der Sand Schwerminerale wie z.B. Magnetit,
können die Schwankungen um ein Vielfaches höher sein. Noch schwieriger werden
die Bedingungen, wenn stark magnetisierte Gesteine (z.B. Basaltgerölle in
jungen Ablagerungen deutscher Mittelgebirge, stark magnetithaltige Amphibolit-
und Serpentinitgerölle in eiszeitlichen oder nacheiszeitlichen Sedimenten des
Voralpengebietes) einen Rauschpegel lokaler Anomalien von einigen 100 bis zu
einigen 1.000 nT hervorrufen. Solche extremen Rauschpegel durch stark
magnetisierte Gesteine sind unter anderem auch ein Grund, warum zunehmend die
aktive elektromagnetische Ortung an Bedeutung gewinnt. Des weiteren verursachen
anthropogene magnetische Störkörper im Boden (Metallschrott, Schlacken,
Splitter etc.) zusätzliche Störsignaturen, die den Rauschpegel weiter erhöhen.
Anmerkung: In der Praxis kann man
versuchen, einem oberflächennahen Störpegel mit einer Vergrößerung des
Magnetometerabstandes zum Boden zu begegnen oder bei dichter Vermessung mit
Digitalsystemen Filterverfahren (Tiefpassfilterung, analytische Fortsetzung
nach oben) einzusetzen. Es versteht sich von selbst, dass bei tiefer liegenden
Quellen des Störpegels ein solches Verfahren schnell an seine Grenzen gerät.
Einflussfaktor Verortungsgenauigkeit:
Für die Verortung der Messdaten
bei der Datenaufzeichnung werden entweder auf konventionelle Weise Maßbänder
oder moderne Vermessungssysteme wie Tachymeter
und GPS-Empfänger als Hilfsmittel eingesetzt: Ziel ist, eine möglichst genaue
und reproduzierbare Ortzuordnung der Messdaten während der Datenaufzeichnung zu
erreichen. Bei Verwendung von Maßbändern wird die zu untersuchende Fläche in
parallel verlaufenden Spuren nacheinander mäanderförmig abgearbeitet, so dass
am Ende ein Messraster wie in Abbildung 2 (links) dargestellt entsteht.

Abbildung 2 Theoretisches Messraster einer
Datenaufzeichnung (links), tatsächliches Messraster (rechts)
Tatsächlich treten jedoch bei der
Datenverortung Positionsabweichungen sowohl in der Horizontalen (Abb. 2,
rechts) als auch in der Vertikalen auf, deren Größenordnungen vor allem von der
Beschaffenheit der zu untersuchenden Fläche und der persönlichen Sorgfalt des
Sondengängers abhängen.
Diese Verortungsfehler schränken
zum einen die erreichbare Messgenauigkeit weiter ein (ein Messwert wird nicht
exakt seinem Ort zugeordnet), zum anderen bewirken sie einen zusätzlichen
Rauschanteil im Datensatz (der tatsächliche Ort einer Messung ist jetzt selbst
auch eine stochastische Größe).
Die absolute Größe dieses
Messfehlers hängt in erster Linie vom räumlichen magnetischen Gradienten am
Messort ab. Für das ungestörte Magnetfeld der Erde beträgt er z.B. in unseren
Breiten in der Vertikalen 2,5 nT/100 m und in der Horizontalen
4,4 nT/km. Würde man die mit optisch gepumpten Magnetometern erzielbare
Auflösung von 0,0025 nT tatsächlich nutzen wollen, so wäre in der
Vertikalen bereits eine Positionsgenauigkeit von 10 Zentimetern erforderlich.
Tatsächlich sind die Horizontal-
und Vertikalgradienten im näheren und weiteren Umfeld einer Fläche aufgrund
natürlicher topographischer und geologischer Gegebenheiten sowie anthropogener
Konstruktionen meist wesentlich, teilweise um Größenordnungen größer. Um in
solchen Bereichen eine Reproduzierbarkeit von Messergebnissen in der
Größenordnung der optisch gepumpten Magnetometer zu erzielen, dürften
Positionsungenauigkeiten allenfalls im Millimeterbereich zugelassen werden. Doch auch der zu ortende Störkörper selbst erzeugt ein Gradientenfeld,
das selbst bei idealen Bedingungen des Umfeldes zu Überlegungen bezüglich der
geforderten Verortungsgenauigkeit zwingt. So erzeugen z.B. bei Annahme des
magnetischen Dipols in 6 Metern Tiefe (siehe Abbildung 1) horizontale
Positionsabweichungen von 10 Zentimetern bereits eine Abweichung von 0,05 nT;
das ist bereits ein Faktor 20 bezogen
auf die Ansprechschwelle optisch gepumpter Magnetometer.
Schlussfolgerungen:
- Am Markt stehen immer mehr
Magnetometer mit höherer Auflösung zur Verfügung. Rein theoretisch könnten
mit dieser höheren Auflösung ferromagnetische Störkörper in größerer
Entfernung lokalisiert werden. Totalfeld-Magnetometer haben dabei aufgrund
des Abstandsverhaltens ihrer Messgröße (3. Potenz) gegenüber den
Differenz-Fluxgate-Magnetometern (Potenz 3-4) einen Vorteil bei tiefer
liegenden Störkörpern.
- Die oben genannten Vorteile
können in der Praxis aufgrund der Einflüsse des umgebenden Mediums und
aufgrund der begrenzten Verortungsgenauigkeit nicht voll ausgeschöpft
werden.
- Der magnetische
Rauschanteil des umgebenden Mediums bestimmt im wesentlichen Maße die
tatsächlich verfügbare Auflösung des Magnetometers. Teilweise machen
magnetische Störungen des Untergrundes den Einsatz von Magnetometern zur
Kampfmittelsuche unmöglich.
- Die höhere Auflösung eines
Magnetometers kann nur dann sinnvoll genutzt werden, wenn eine
entsprechend hohe Verortungsgenauigkeit bei der Datenaufnahme garantiert
werden kann.
- Beim Einsatz geophysikalischer
Verfahren in der Kampfmittelortung muss den geophysikalischen und
geologischen Zusammenhängen mindestens ebenso große Beachtung geschenkt
werden wie den technischen Parametern des Messsystems.
Fazit:
Das Auflösungsvermögen der heute in der Kampfmittelortung eingesetzten Magnetometer mit 0,1 nT stellt einen gesunden Kompromiss zwischen dem technisch machbaren und dem in der Praxis tatsächlich nutzbaren Auflösungsvermögen dar. Der Einsatz
von Magnetometer höherer Auflösung bleibt speziellen Anwendungsfällen vorbehalten.
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